Pläne für zwölf Staudämme bedrohen Borneo
Pläne für chinesische Dammbauprojekte haben in der Vergangenheit auf Borneo viel Verwüstung angerichtet. Jetzt wurden neue Projekte bekannt
Die Insel Borneo ist noch immer eine ökologische Schatzkammer, gefüllt mit wertvollen und verletzlichen Regenwäldern mit all ihren seltenen Tieren und Pflanzen. Diese unermesslichen Schätze stehen jedoch vor einer neuen Bedrohung: Chinesische Ingenieure planen die Errichtung von 12 Dämmen, die dieses unberührte Land zerschneiden sollen. Tausende der Dayak-Ureinwohner müssten umgesiedelt werden.
Die Regierung des malayischen Bundesstaates Sarawak bestätigen, dass die Dämme die erste Stufe eines “Korridors für erneuerbare Energien” darstellten, die Anderthalb Millionen Arbeitsplätze auf der Basis sicherer, sauberer Wasserkraft schaffen sollen.
Umweltschützer zeigen sich indes entsetzt – ihrer Meinung sind Dammprojekte in der Vergangenheit mitverantwortlich gewesen für die flächenweise Zerstörung des Lebensraumes der indigenen Völker und der Abholzung der Wälder auf Borneo. Weitere Dämme, so machen die Umweltschützer glaubhaft, würden die Situation verschlimmern – dennoch scheint ihr Waffenarsenal, um gegen die Pläne einzuschreiten, begrenzt.
Die Auswirkungen der bisherigen Baumfällungen – in den vergangenen Jahren fielen Millionen Hektar von bis dato unberührten Regenwäldern um die weltweite Nachfrage nach Biosprit zu befriedigen – waren katastrophal für die Ökosysteme der Insel.
Große Teile des Sarawak-Gebietes würden durch das Projekt zerschnitten, eine abgelegene Gegend die durchzogen ist von wolkenverhangenen, bewaldeten Gipfeln; hier tänzeln farbenprächtige Schmetterlinge durch das Unterholz, Orang-Utans sitzen in den Wipfeln. Auch Malayenbären und Nebelparder streifen hier frei umher.
Es geht hier um mehr als nur um ökologische Kritik an dem Vorhaben. Der ursprüngliche Vertrag überträgt die Verantwortung für das Projekt an den chinesischen Staatskonzern, der den umstrittenen Dreischluchtendamm am Jangtse-Fluss gebaut hat – ein Projekt das von Dai Quing, dem chinesischem Journalisten der die Kampagne gegen den Damm leitet, als ein “schwarzes Loch der Korruption” bezeichnet wird.
Erste Teams des Konzerns arbeiten bereits am ersten der zwölf neuen Dämme in Murum, Malaysia, tief im Inneren des Landes, von wo aus sich die Flüsse des Sarawak einen Weg in Richtung des südchinesischen Meeres bahnen.
Die indigenen Gemeinschaften aus der Region sind entsetzt und verstört – vergangene Woche erfuhr ein Wissenschaftler, der die Gegend bereiste, dass die Gemeinschaften von ihrem angestammten Land weggeschickt worden waren. Das Projektgebiet ist nun mit Schildern in chinesisch vollgestellt.
Informationen über die Finanzierung des Projekts und Verträge wurden nicht veröffentlicht. Chinesische Analysten sagen die Arbeiten wurden teilweise von einem Darlehen einer staatlichen Institution gedeckt.
Kritiker argumentieren dass Sarawak keine weitere Elektrizität mehr benötigt. Es produziert Überschüsse von 20 Prozent des Eigenbedarfs und hat noch kein Kabel um die Energie an Festland-Malaysia zu liefern.
Unterlagen des Komzerns, die an der Malaysischen Börse vorliegen, zeigen dass ein Hauptprofiteur der Politik eine Firma ist, zu deren Aktionären und Direktoren Frau und Familie von Abdul Taib Mahmud, Sarawak's Regierungschef, gehören.
Taib, 72, der einen vanille-farbenen Rolls-Royce fährt, ist einer der wohlhabendsten und mächtigsten Männer der malaysischen Politik. Er bekleidet auch das Amt des Finanzministers und des Wirtschaftsministers.
CMS (Cahya Mata Sarawak), die familieneigene Firma, ist tätig in den Bereichen Zementherstellung, Hochbau, Bergbau und Straßenbau. Die Firma hat eine Absichtserklärung mit Rio Tinto, einer an der Londoner Börse notierten Bergbaugruppe, unterzeichnet, die vorsieht eine Aluminiumhütte “von Weltrang” zu errichten, die ihre Elektrizität von dem Damm in Bakun bezieht.
Durch den Damm in Bakun, ein Projekt das bis 2011 abgeschlossen sein soll, wurden bereits die geschätzte Zahl von 10 000 indigenen Bewohnern umgesiedelt. Ergebnis waren bittere Rechtsstreitigkeiten und kritische Stimmen von Ökonomen über explodierende Kosten.
Malaysia's wiederbelebte Opposition agitiert nun gegen was sie als “crony capitalism” bezeichnet (etwa: Vetternwirtschaftskapitalismus), und hilft der bis dato machtlosen indigenen Bevölkerung vor Gericht gegen Landübernahmen und Tricksereien vorzugehen.
Trotz all dem könnte es zu spät sein, um die ökologisch einzigartigen Regionen Borneo zu bewahren. Orang-Utan Waisen, die mit wehklagenden Blicken jede menschliche Hilfe die ihnen angeboten wird, akzeptieren, sind das augenscheinlichste Symbol der Zerbrechlichkeit dieser Insel.
Borneo ist geteilt zwischen Malaysia, Indonesien und dem kleinen Flecken Brunei im Norden. Stets haben Menschen den Natur- und Ressourcenreichtum der Insel ausgebeutet.
Ein Grund dafür ist die weltweite Gier nach Holz. Der andere Grund dafür ist Biodiesel – das darin enthaltene Palmöl wird in Plantagen angebaut für das fast die Hälfte von Borneos' Regenwälder abgeholzt worden sind. Zwei Million Acre (ca. 8 Mio km2) davon verschwinden jährlich aufgrund von Baumfällungen – das Holz wird verkauft und das Land in Plantagen umgewandelt.
Der größte Plünderer von allen war Indonesien's Diktator Suharto, der großzügig Waldfällungskonzessionen an Generäle und andere Günstlinge während seiner 32-jährigen Regierungszeit verteilte.
Die Zentralregierung in Jakarta wird nun gelobt für das entschlossene Vorgehen gegen die illegale Abholzung von Regenwald.
Dennoch sind weite Flächen vom indonesischen Teil Borneos bereits abgeholzt. Giftige Rauchwolken stehen kontinuierlich über Teilen der Insel, ausgelöst durch weitflächige Waldbrände. Nach China und den USA ist Indonesien damit heute schon der CO2-Emittent Nummer drei.
“Grünes Gold”, wie Palmöl auch genannt wird, stellt eine sogar noch heimtückischere Gefährdung dar, denn es verspricht den Armen Wohlstand und Entwicklung – und gleichzeitig den Reichen umfangreiche Profite.
Das pflanzliche Öl kommt aus zerkleinerten Palmfrüchten und -kernen. Nachdem es schon länger für Speiseöl, Kosmetik und Seife verwendet wird, ist es heute eine Hauptquelle für die Biodieselproduktion. Malaysia und Indonesien produzieren über 85% des weltweit erhältlichen Palmöls – das Meiste davon auf Borneo.
Der Preis dieses vorgeblich umweltfreundlichen Treibstoffs ist groß. Der Schaden überwiegt bei weitem die Vorteile, fand eine kürzlich publizierte Studie in dem Journal “Conservation Biology” heraus. Emily Fitzherbert, Mitarbeiterin der Zoological Society of London (Zoologische Gesellschaft London), die Organisation die die Studie veröffentlichte, konstatierte, dass Palmöl keine umweltfreundliche Alternative zum Normalsprit darstellte.
John Anthony Paul, ein angesehener Dayak in Sarawak, erklärt hierzu: “Von der Palmölmühle bis zu meinem Langhaus hin zieht sich ein ständiger, übler Gestank. Die Gegend versinkt im Schlamm. Unsere Wasserqualität sinkt rapide – viele Fischarten sind bereits verschwunden und die Überschwemmungen nehmen zu. Pestizide fressen sich in unsere Böden. Die Insektenwelt verändert sich und mit ihr die Bestäubung der Pflanzen; dies wirkt sich maßgeblich auf die Qualität unserer Früchte und Pflanzen aus. Palmöl ist nicht nachhaltig und nie gewesen.”
Der Widerstand wächst. Letzte Woche bedrohten zwei Dayaks in Bengoh nach stundenlanger Wanderung einige chinesische Dammarbeiter. Das Szenario hier lässt die großen Probleme der Gegend bisher nicht erahnen. Die Gegend in Bengoh ist unberührt und überzogen mit Blumen so dass sie jederzeit für ein Touristenposter herhalten könnte - gäbe es nicht das Grollen des Baulärms und die ausgelaugte Erde.
Die Dayaks werden aus ihren Dörfern vertrieben, denn die Ingenieure von Sino Hydro, einem anderen chinesischen Konzern, der in der Gegend tätig ist, bauen einen weiteren Damm um die Wasserversorgung für Kuching , der Hauptstadt von Sarawak, zu verbessern.
“Wir sind hier 28 Familien, und leben seit Generationen in unserem Dorf,” sagt Simo Anakbekam, 48. “Die Regierung sagt wir müssen gehen. Wir fordern, dass die Regierung unser Recht auf dieses Land anerkennt.”
Die Staatsregierung sagt, den Menschen wurde “adäquate Kompensation” plus einer Umsiedlung zu neuen Häusern mit besserer Arbeit und gesichertem Zugang zu Gesundheitssystem und Bildung angeboten.
Jedoch möchten die meisten Bewohner des Dorfes von Simo höher hinauf in das ihnen bekannte Bergland ziehen und können nicht verstehen, warum sie in das heiße, moorige Tiefland geschickt werden.
Was sich hier abspielte war ein typisches Bild des bereits angesprochenen “Vetternwirtschaftskapitalismus”. Ausgestattet mit Räumungsklagen erzählten die Dammbauer den Dayaks, ihre Anwesenheit würde die neue Wasserversorgung verschmutzen.
Die Ausbeutung von Borneo – den Bewohnern, Tieren und dem Land – hat eine lange Tradition. Es könnte aber auch einen Ausweg geben.
Sarawak führte eine romantische, isolierte Existenz unter den “weißen Rajas” der Brooke Dynasty, dessen umtriebiger Gründer, James Brooke, sich selbst als Alleinherrscher einsetzte. Seine Ahnen waren bis 1946 an der Macht.
Die Brookes verachteten den Kommerz und den Handel des britischen Imperiums, und strebte eine noble Dayak-Kultur in all ihrer Pracht an.
Sie führten ein regionales Gewohnheitsrecht ein, auf Basis dessen Bezirksbeamte Land aufzeichneten um Kämpfe um Arbeitskräfte zwischen den Dayaks einzudämmen. Die Rajas ermöglichten auch die Verpachtung von Land und gaben eine offizielle Gazette heraus.
Malaysische Gerichte haben Fälle auf der Basis solcher Dokumente entschieden und nun beginnt eine Jagd auf Dokumente aus dieser Epoche, die versteckt in Langhäusern in der Region und als vergilbte Kopien in britischen Archiven lagern. Für viele in den abgelegenen Regionen Sarawaks könnten diese Briefe die einzige Hoffnung auf Gerechtigkeit bedeuten.
Quelle: BOS-Deutschland